
Audi, Georgia und das Märchen vom billigen US-Arbeiter
Vier Milliarden Dollar will Audi in eine neue Fabrik im US-Bundesstaat Georgia investieren. 4.500 Arbeitsplätze sollen entstehen, bis zu 200.000 Fahrzeuge jährlich gebaut werden. Die endgültige Genehmigung des VW-Aufsichtsrats steht noch aus.
Nun könnte man meinen, Audi habe dort paradiesische Produktionsbedingungen entdeckt. Billige Arbeitskräfte, günstige Energie, wenig Bürokratie. Das hört man ja oft genug, wenn wieder einmal über die angeblich katastrophalen Standortbedingungen in Europa geklagt wird.
Nur passen die Zahlen nicht so richtig zu dieser Geschichte.
Q7, Q8 und Q9 werden bereits in Bratislava gefertigt, in einem bestehenden Werk mit modernen Anlagen, erfahrenen Beschäftigten und eingespielten Lieferketten. Nach Aussagen von Audi-Chef Döllner soll die Produktion dieser Modelle Anfang der 2030er-Jahre nach Georgia wechseln.
Die Beschäftigten von Volkswagen Slovakia verdienten 2025 durchschnittlich 3.123 Euro brutto monatlich, ohne Management. Das sind 37.476 Euro jährlich.
Kia betreibt ebenfalls in Georgia, in West Point, ein Automobilwerk. Auf seiner offiziellen Karriereseite nennt der Hersteller 21,96 bis 32,53 Dollar Stundenlohn für Produktionsbeschäftigte, zuzüglich Schichtzulagen. Bei 40 Stunden und 52 bezahlten Wochen entspricht das rund 45.700 bis 67.700 Dollar im Jahr, umgerechnet etwa 40.900 bis 60.500 Euro.
Wir vergleichen hier eine amerikanische Lohnspanne mit einem slowakischen Durchschnittswert, nicht identische Arbeitsplätze. Arbeitgeberleistungen und Produktivität fehlen ebenfalls. Trotzdem würde ich gerne wissen, wo der angeblich konkurrenzlos billige US-Industriearbeiter zu finden sein soll.
Auch Strom ist in Georgia günstiger. Nur kennt bislang niemand außerhalb des Unternehmens die tatsächlichen Energiekosten der beiden Produktionsstandorte. Eine Vier-Milliarden-Investition allein mit billigem Strom zu erklären, wäre ziemlich gewagt.
Schauen wir lieber auf die anderen Zahlen. Nach Medienberichten soll Georgia das Projekt mit rund 1,4 Milliarden Dollar unterstützen. Eine endgültige, öffentlich einsehbare Fördervereinbarung fehlt noch. Dazu kommen vorbereitete Industrieflächen, Infrastruktur und staatlich organisierte Ausbildung.
Und Trumps Zölle. Für europäische Autos gelten in den USA derzeit insgesamt 15 Prozent Einfuhrzoll. Die EU hat ihre Zölle auf US-Industriegüter einschließlich Autos dagegen abgeschafft. Diese Regelung läuft zunächst bis 2029; Audis Werk soll erst 2031 produzieren. Wie die Zölle dann aussehen, ist offen. Dass sie heute teuer sind, weiß Audi: 2025 belasteten US-Zölle das Unternehmen nach Reuters-Angaben mit rund 1,2 Milliarden Euro.
Man braucht kein Betriebswirtschaftsstudium, um zu erkennen, dass solche Summen bei einer Standortentscheidung schwerer wiegen können als ein paar Cent weniger pro Kilowattstunde.
Die USA locken Unternehmen mit öffentlichen Mitteln und erschweren zugleich den Import fertiger Fahrzeuge. Audi plant nun, eine bestehende europäische Fertigung durch eine neue US-Fabrik zu ersetzen. Das kann für Audi wirtschaftlich sinnvoll sein. Es ist aber kein Beweis dafür, dass man in Amerika grundsätzlich billiger produziert.
Ich würde gerne Audis vollständige Rechnung sehen: Löhne, Energie, Investitionen, Subventionen, Zölle und die Auslastung eines Werks mit 200.000 Fahrzeugen Jahreskapazität.
Denn wenn die amerikanische Produktion tatsächlich so konkurrenzlos günstig ist, warum muss Georgia dann nach Medienberichten 1,4 Milliarden Dollar drauflegen?